Hunde treten in unser
Leben und begleiten uns eine Weile. Einige bleiben für immer, denn sie
hinterlassen ihre Spuren in unseren Herzen. Ein gewisser Flavia hat das
mal gesagt, allerdings über Menschen. Ich weiß, das gilt auch für uns
- also für Hunde. Ich bin Kali, benannt nach der nicht ganz harmlosen
indischen Göttin. Weil, na ja, ich bin halt auch nicht so ganz ohne:
Dogge mit einem Schuß Terrier-Blut. Der Blick aus meinen schwarzen
Augen ist legendär. Mit dem vermag ich nicht nur Dämonenheere in die
Flucht zu schlagen, nein, auch Coba, der 70-Kilo-Rüde von Gabi, legt
sich auf den Boden und winselt, wenn ich mir das vornehme. Aber von mir
will ich hier gar nicht erzählen, nein, von der Hündin Kira möchte
ich Euch berichten, die nach wie vor in unseren Herzen und vor allem
Köpfen herumspukt.
Ich beobachte gerade
Corleone, einen Doggen-Mix-Junghund im zarten Alter von fünf Monaten.
Er spielt mit Timmi, ein Welpe noch, und ich finde in Corleones Art zu
spielen, sich zu bewegen Kira wieder. Die hat nämlich seinerzeit mit
ihm gespielt und ihn ganz schön rangenommen, und nicht nur ihn, sondern
auch seine acht Geschwister hat sie erzogen. Von früh bis spät nudelte
„Tante“ Kira die Kleinen durch, verschwand im Garten mit der
neunköpfigen Rackerbande, die geschlossen verschwörerisch hinter ihr
hertrabte, um in die Geheimnisse des Lebens eingeweiht zu werden: Vögel
beobachten, Gartenteich besichtigen, Löcher graben - was man im Leben
halt so alles braucht. Sie erklärte ihnen, was man in unserem Rudel
darf und was nicht, und sie zeigte ihnen wieder und wieder, wo in
Guntersdorf der Hammer hängt.
Eigentlich sollte ich aber an dem Tag beginnen, an dem sie sich in mein
Leben drängelte. Es war ein sonniger Samstag im Mai, als sie
Guntersdorfer Boden betrat, und schon ein Blick auf ihre drahtige,
selbstbewußte Erscheinung und in ihr offenes und aufgewecktes Gesicht
genügten mir, um zu erkennen: das gibt Ärger. Es ist nicht ganz klar
aus welchen Rassen sie zusammengemixt war, eigentlich sollte man sie als
„reinrassige Kira“ bezeichnen. Eine sehr schwere Verletzung, deren
Ursache sie uns nie verraten hat, zog sich vom Schulterblatt über den
ganzen Rücken bis über ihren unbestreitbar knackigen Hintern. Das
verblüffende aber war, daß das furchtbare Unglück, das einer solchen
Verletzung vorausgegangen sein mußte, keinerlei Trauma bei ihr
hinterlassen hatte. Im Gegenteil. Immer schaffte sie es aufgrund ihres
Temperaments, ihrer Fröhlichkeit und schier endlosen Liebe zu Menschen,
sich in den Mittelpunkt zu wirbeln. Jeden Versuch, diesen Hund in die
bestehende Hierarchie einzuordnen, und war er hundepsychologisch noch so
ausgefeilt, ließ Kira mit einem behenden Sprung zur Seite ins Leere
gehen. Gabi und Lynn haben zum ersten Mal kläglich versagt. Also mußte
ich ran. Eines Tages forderte ich deshalb Kira heraus, um ihr zu zeigen,
wer Chefin des Hauses ist, und ich schwöre, daß niemand außer ihr mir
in dieser Situation die Stirn geboten hätte. Aber sie, im zarten Alter
von 1 ½ Jahren, tat es: auf dem Rücken liegend zwickte sie mich von
unten in die Kehle, und ich hörte sie raunen: „Du glaubst wohl ich
trau mich nicht?“ Gabi und Lynn sind dann dazwischen gegangen. Ein
Unentschieden? - ist mir noch nie passiert.
Memmig wie die Menschen halt sind, achteten sie jetzt peinlich darauf,
daß ich meiner Wege ging und Kira möglichst einen anderen Weg
einschlug. Den Pfad der Tugend hatten wir beide längst verlassen. Und
eines war glasklar: Guntersdorf war für uns beide nicht groß genug,
eine mußte gehen. Auch Kira wußte das.
Jedesmal wenn Leute kamen, die sich für einen Hund interessierten,
versuchte sie deshalb, die Entscheidung zu ihren Gunsten zu
beeinflussen. Dabei war sie manchmal etwas übereifrig. Meistens
brachten sie uns Hunde ins Haus, damit sie am Tor die Leute begrüßen
konnten. Um gleich als erste auf der Bildfläche zu erscheinen, griff
Kira gern zu einer drastischen Maßnahme: sie rannte in den ersten
Stock, sprang auf eine Bank und von dort durch das offene Fenster in die
Tiefe - und landete in einem Dornbusch in der Einfahrt direkt neben den
wartenden Besuchern vor dem Tor.
Leider konnte sie mit diesem mehrmals dargebotenen Kunststück die
Besucher zwar beeindrucken, aber nicht überzeugen, ich hatte sogar das
Gefühl, daß diese Aktion bei den Leuten Skepsis hervorrief, denn wie,
bitteschön, soll man so einen Hund denn festsetzen? In Ketten legen?
Ein Hund der Extraklasse: Kira
Ihren Spitznamen „Schrappi“
bekam sie durch ihre Halskrause, die sie wochenlang wegen ihrer
Rückenverletzung tragen mußte. Sie hatte es nämlich raus, diese
Plastik-Tube - nervenzerfetzend für uns alle - an der Wand entlang zu
schrammen - schrapp - schrapp - schrapp - daß Farbe und Putz
herunterrieselten, und sie außerdem Mensch und Tier ins Knie zu rammen.
Blaue Flecken zierten die sonst so strammen Wadl’n von Gabi, Lynn und
Lisa. Schrapnell - so heißen doch auch Sprenggeschosse - na, ich würde
sagen, das paßt!
Einmal, es muß so im August gewesen sein, hat sie uns in ihre
furchtlose Seele blicken lassen. Ein Sommer-Gewitter von der ganz üblen
Sorte: prasselnder Regen mit Hagel gemischt, Sturm, Blitze, Donner.
Innerhalb von Sekunden brach zwar nicht bei mir, aber bei den übrigen
Vierbeinern Panik aus. Wir wurden alle in Sicherheit gebracht, und beim
obligatorischen Abzählen in der Stube fehlte, raten Sie mal, natürlich
Kira. Sofort hasteten Gabi und Lynn raus in den peitschenden Regen, es
hätte ja sein können, daß ein schwerer Ast sie getroffen hat und sie
bewußtlos im Garten liegt oder daß sie sich in ihrer Angst irgendwo
verkrochen hat, wo sie nicht mehr herauskommen kann. Aber, sie vermuten
es bestimmt schon, weit gefehlt. Kira lag auf der Couch, die draußen an
der Hauswand steht, mit verklärt-verzücktem Gesicht, und sie stammelte
immer wieder in den tobenden Himmel „Bah ejii, ist das toll, bah!“
Im September sind dann eben jene Doggen-Mix-Welpen bei uns zur Welt
gekommen, von denen einer dieser Corleone ist, der Kiras Ebenbild zu
sein scheint. Instinktsicher und souverän hat sie die Kleinen unter
ihre Fittiche genommen - nicht zuletzt ihr ist es zu verdanken, daß aus
ihnen allen prima Hunde geworden sind. Kira wurde über dieser Aufgabe
erwachsen, und es wurde ersichtlich, daß sie ein Rohdiamant war, ein
Hund wie man ihn wirklich selten findet. Nur geschliffen mußte dieser
Diamant noch werden - doch wer war dieser Aufgabe gewachsen?
Unermüdlich versuchten Gabi und Lynn, Kira zu vermitteln. Denn es wurde
immer deutlicher, daß sie und ich unter einem Dach niemals würden
leben können. Unsummen wurden in Anzeigen mit dem Titel „Kira in Not“
investiert, Zeitungsredaktionen mit Texten und Fotos zur
Veröffentlichung bombardiert, ihr leicht überhebliches Konterfei fand
sich auch auf der Internetseite der Sendung „Tiere suchen ein Zuhause“,
und zu guter letzt sollte sie als Notfall in einer
Tiervermittlungs-Sendung im Fernsehen auftreten. Dazu kam es aber nicht.
Der Jugendtraum eines
Rettungssanitäter-Fahrers aus der Dachauer Gegend war es, einmal einen
Rettungshund zu führen. Nur den geeigneten Hund zu finden - das ist
wahrlich nicht leicht, denn die Anforderungen an so einen Hund sind
hoch: umweltsicher, intelligent, freundlich vor allem im Umgang mit
Menschen, körperlich fit, nicht zu groß... Na, klingelt’s? Wie ein
Bekannter immer sagt: Gott sei’s getrommelt und gepfiffen... er hat
Kira im Internet gefunden und in Guntersdorf das Telefon heißlaufen
lassen. Dieser arme Mann wurde von Gabi und Lynn ausgefragt, das
Gewissen geprüft, Zukunftsperspektiven abgeklopft, die familiäre
Situation wieder und wieder erörtert. Er hat sich nicht abschrecken
lassen, Kira, so hat er immer wieder versichert, sei genau der Hund, den
er schon so lange gesucht hat. Und scheinbar ist er der Mensch, den Kira
gesucht hat.
Noch bevor sie sich gegenseitig in die Arme bzw. Pfoten gefallen sind,
wurde für Kira schon ein Termin für ein Vorstellungs“gespräch“
bei einer Rettungshundestaffel vereinbart - denn, so haben alle immer
gesagt, sie ist zu Größerem berufen. Mir soll’s recht sein:
Guntersdorf gehört jetzt wieder mir allein - und Kira sehen wir
künftig nur noch im Fernsehen bei Einsätzen als Rettungshund. Wundern
würd’s mich ja nicht, denn wenn ich mal ehrlich bin, auch ich glaube,
daß sie etwas ganz Besonderes ist. Und vertrauen sie mir ruhig, ich
versteh was davon. (lh)
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